Die Völkerwanderung und die Besiedlung unserer Heimat durch die Bayern

Links der Donau bis hoch nach Norden, von der Rheinmündung bis zum Schwarzen Meer, wohnten die germanischen Stämme. Im Laufe der Zeit waren sie sehr volkreich geworden, und Äcker, Weiden, Jagdgründe und Bootsplätze reichten nicht mehr aus, die wachsenden Völker zu ernähren. Alles anbaufähige Land war restlos genutzt, neues zu gewinnen war sehr schwierig und zum Teil unmöglich.

Die alte Heimat wurde eng und die Menschen mußten sich neuen Lebensraum suchen, der ihnen genügend Nahrung bot. Hunderte, ja ganze Volksstämme traten ihre mühselige, gefährliche und ständig mit Kampf bedrohte Wanderung an. Zurück blieben einzelne Familien und Sippen, Kränkliche und Alte und solche, die in ihren Hütten viele kleine Kinder hatten. Ihnen blieb nun nach Abzug der Auswanderer ein breiterer Raum.

Die Wandernden aber, die heute in Fülle lebten und morgen vom Hungertod bedroht waren, bald siegreich vorwärts stürmten, bald geschlagen flüchten mußten, suchten eine wärmere Heimat und ein besseres Land.

Einige Völker versuchten über den Rhein oder über die Donau vorzudringen, aber überall stießen sie auf die Heere der Römer und mußten zurückweichen. Doch trotz der im Kampf und auf der Wanderung erlittenen Verluste wurden die germanischen Völker durch die ungebrochene Kraft ihrer Vermehrung stärker und immer wirksamer bedrohten sie die römische Grenze.

Als dann im 4. Jahrhundert die Hunnen aus Asien gegen Europa stürmten und die wandernden Volksstämme bedrängten, wurden die Menschen noch unruhiger und eine große Völkerbewegung setzte jetzt ein. Von allen Seiten wurde römisches Reichsgebiet von Germanen und Hunnen bestürmt. Diesem gewaltigen Drängen waren die Römer, durch üppiges Wohlleben und Entartung geschwächt, nicht mehr gewachsen. 476 n.Chr. zerbrach das römische Weltreich wie ein morsches Gebäude und unsere Gegend kam mit Italien unter die Herrschaft Odoakers, eines Fürsten aus dem germanischen Stamme der Rugier.

Einer Sturmflut gleich überschwemmten die germanischen Volkstämme das römische Land. Doch die meisten von ihnen gingen zugrunde oder vermischten sich mit den Bewohnern des neuerworbenen Landes. Nichts ist von ihnen geblieben. Nur alte Sagen und Heldenlieder künden von ihrem Ruhm und ihrer Tapferkeit. 493 wurde der Ostgotenkönig Theoderich der Herr unseres Landes.

Die schweren Zeiten der Völkerwanderung gingen auch für unsere engste Heimat nicht spurlos vorüber. Sicher überschritten manche Völkerscharen den Fernpaß und die Seefelder Senke und zogen durch unsere Gegend.

Diese wandernden Germanen waren keine plündernden Räuberbanden, sondern landsuchende Bauern. Wo sich aber römische und später gotische Soldaten oder die einheimische Bevölkerung ihrem Zug abwehrend entgegenstellten, kam es sicher zu Kämpfen, Verheerungen und auch Plünderungen. So wurde schon im vorhergehenden Kapitel erwähnt, daß Martinsbühel anscheinend in der Zeit nach Kaiser Theodosius (379-395) zerstört wurde. Bei den Ausgrabungen des archäologischen Institutes der Universität Innsbruck im Jahre 1964 konnten im Kirchenboden der kleinen gotischen Kapelle am Martinsbühel zwei Brändefestgestellt werden. Es wird vermutet, daß zuerst 536 beim Durchzug der Franken und dann später bei der Einwanderung der Bayern die Kapelle durch Feuer zerstört wurde. Auch das römische Veldidena scheint in der Völkerwanderungszeit durch Brände vernichtet worden zu sein.

Die Bewohner des diesseitigen Innufers überstanden diese wilden Zeiten sicher besser als die Menschen, die unmittelbar im Durchzugsgebiet hausten. Wenn auch vielleicht manchmal auf unserer Uferseite einzelne Behausungen zerstört wurden und die Bewohner sich flüchtend in den schützenden Urwald zurückziehen mußten, so ging ein solcher Sturm doch bald wieder vorüber. Die Flüchtlinge konnten in ihre Hütten zurückkehren oder ihre Siedlungen wieder errichten. Die Völkerwanderungszeit dauerte Jahrhunderte und nicht jede Generation hatte unter den vernichtenden Wirren dieser Zeit zu leiden.

Im Allgemeinen hielten sich die Landsuchenden in unserem rauhen Klima nicht lange auf. Sie strebten dem milden und reichen Land zu, das südwärts der Alpen lag. Wahrscheinlich blieben manche Sippen der vielen Stämme in unserem Lande zurück aber in unserem Dorfgebiet fand man bisher noch keine Spuren von Menschen, die sich in dieser Zeit dauernd niedergelassen hätten.

Die wandernden Völker befreiten das Land, durch das sie zogen, von der römischen Herrschaft und in ihrer alten Heimat war nun für die Bildung großer germanischer Volksstämme Platz geworden, so für die Sachsen, Franken, Thüringer, Schwaben, Bayern und andere.

Für uns ist der Stamm der Bayern (Bajuwaren) von besonderer Bedeutung. Sie trugen ihren Namen von ihrer früheren Heimat Boierland (Böhmen), wo sie als Markomannen gelebt und sich dann in dem Raum zwischen Donau und nördlichen Alpenrand und zwischen Enns und Lech dauernd niedergelassen hatten. Sie waren Bauern. Auch sie suchten, als ihr Volk immer zahlreicher wurde, nach dem ewig geltenden Recht der Menschen, Land für ihre wachsende Gemeinschaft, für ihr Vieh, für ihren Pflug und für ihre Saat. Das waren die Gründe, welche die Bayern in unser Land trieben. Sie benutzten für ihre Einwanderungen die alten Römerwege durch das Unterinntal, über den Fernpaß und über die Seefelder Senke.

Nach Nordtirol dürften die Bayern in der Zeit zwischen 565 bis 592 gekommen sein, denn verschiedene Umstände weisen darauf hin, daß um 565 die Bayern noch nicht im tirolischen Inntal eingedrungen waren, 592 aber bereits im Eisacktal nachgewiesen werden können.

Die Abwehr der in Tirol lebenden Räter gegen die eindringenden Bayern war im Allgemeinen nicht groß, denn sie waren Wirrnisse, die solche Einwanderungen hervorriefen, aus der Völkerwanderungszeit gewohnt und gegen Unordnung, Plünderung u.dgl. abgestumpft. Sie fügten sich widerstandslos in ihr Schicksal, als die Bayern in den dünn besiedelten Gegenden unseres Landes Platz für ihre Niederlassungen beanspruchten. Gab es doch herrenloses Land, das nach dem Abzug der Römer nun unbebaut und verwahrlost da lag und jetzt dem gehörte, der es nahm. Vielfach hielten sich die Menschen in den Wäldern versteckt und kamen erst hervor, als es wieder ruhiger im Lande wurde. Oft waren ja die Räter hörigen Standes und wechselten jetzt nur ihren Herrn. Hatten sie früher den nun längst geflüchteten Römern gedient, so arbeiteten sie nun für die Bayern und hatten dabei kaum einen Nachteil. Wo es ging, schonten die Bayern die alteingesessene Bevölkerung, da sie Arbeitskräfte brauchten. Manche Breonen bewahrten ihre Freiheit und noch zu Anfang des 9. Jahrhunderts gab es breonische Adelige.

So lebten in Tirol Bayern und Räter viele Jahrhunderte in Eintracht nebeneinander. Das beweisen noch die vielen in der Römerzeit gebrauchten altheimischen Orts- und Flurnamen, welche die Bayern von der alteingesessenen Bevölkerung übernahmen und bis in unsere Zeit weitergaben. Das wird auch dadurch bekundet, daß sich die romanische Sprache noch sehr lange in Tirol erhielt und die deutschen Einwanderer römische Wörter des alltäglichen Lebens in ihren Wortschatz aufnahmen. Heute haben wir noch in unserer Mundart viele Ausdrücke, die sich aus der römischen Zeit erhalten haben, welche wir aber nicht mehr als Fremdwörter empfinden. Dafür einige Beispiele:

aper = schneefrei, vom lat. apertus = frei, offen

Cepin = Holzhauerwerkzeug, vo lat. zappa = Hacke

låß mi oamal unkeit = laß mich in Ruhe, vom lat. quies, quietis = Ruhe

Riepn = steiniger Abhang, vo lat. rupes = Fels

Se, då håsch es; se ist ein Überbleibsel vom lat. ecce = sie - he da!

Erdäpfelstipfler = Arbeitsgerät, vo mlat. stipes = Pfahl

tasig = schweigsam; vom lat. tacere = schweigen

wif = lebhaft, schlau; vo mlat. vivus = lebendig

Archa = Schutzmauer; vom rom. arca = Kasten

extrig = abgesondert, justament; vom lat. extra = besonders

Fargele = Tragbild; vom lat. ferculum = Trage

Gusta = Gelust; vom lat. gustis = Geschmack

Kabes = Krautkopf; vom lat. caput = Kopf

Öba = Mutterschaf; om lat. ovis = Schaf

einpanieren = einbröseln bei gebackenen Schnitzeln; vom lat. panis = Brot

rar = selten, ungewöhnlich; vom lat. rarus = selten

Spezi = Freunderl, Busenfreund; vom lat. specialis = besonders

spekulieren = spähen; vom lat. speculari = umherspähen

takt = tüchtig; vom lat. tango = sich rühren

taktieren = quälen; vom lat. tractare = bearbeiten

Pulli.Pulli = Hennenruf; lat. pullus = Hühnchen

Star = Hohlmaß; vom lat. sextarius
Man könnte noch viele Beispiele anführen.

Im Unterinntal, zwischen Kufstein und Jenbach, und in unserer Gegend, zwischen Zirl und Telfs, sind Namen aus vorbayrischer Zeit nur selten anzutreffen. Solche Namen wurden bereits in den beiden vorhergehenden Kapiteln erwähnt, wie Zirl, Christen, Rages, Toblaten u.a.

Die Seltenheit vorbayrischer Flurbezeichnungen in diesen Gebieten begründen die Historiker damit, daß es vielleicht an den Einfallstoren von Bayern nach Tirol, also auch bei uns, zu Kämpfen kam und die Räter vernichtet oder vertrieben wurden; oder daß unsere Gegend beim Eindringen der Bayern schon so entvölkert war, daß die wenigen Romanen nur eine kleine Minderheit bildeten und das romanische Sprachgut sich daher nicht erhalten und an die folgenden Generationen überliefert werden konnte.

Die wenigen Namen , die bewahrt wurden, gingen in den deutschen Sprachschatz ein; sie wurden schon früh ,,eingedeutscht``. Sie tragen wie die deutschen Namen die germanische Anfangsbetonung; nirgends zeigt sich mehr der romanische Akzent. So lag z.Bsp. in ravicos die Betonung auf dem i, im eingedeutschten Rages auf dem a. Die Betonung wanderte von der zweiten Silbe zur ersten. Ähnlich verhält es sich bei Tabulatum und Toblaten.

Eine Bestätigung dafür, daß es in unserem Raum damals zwischen Bayern und Romanen zu Kämpfen kam, sehen die Historiker auch in der Sage vom Riesen Thyrsus, der bei Leithen ansässig war und von dem ins Inntal eingewanderten Hünen Haimo getötet wurde.

Wann sich in unserem Gemeindegebiet die ersten Bayern als Bauern niederließen, ist nicht bekannt. Es weist aber vieles darauf hin, daß eine dauernde Besiedlung schon sehr frühzeitig erfolgte. Die Art, wie die deutschen Einwanderer die vorgefundenen Orts- und Flurnamen veränderten, so besonders die vorhin erwähnte Rückziehung des Akzentes, beweist, daß unsere Gegend in althochdeutscher Zeit (Mitte des achten Jahrhunderts bis Mitte des elften Jahrhunderts) in überwiegendem Maße von Bayern bewohnt war. Die Lautverschiebung des Ortsnamens Teriolis zu Cyreolu, Zirl, (also t zu z) bezeugt sogar die Anwesenheit der Bayern für das 7. Jahrhundert.

Gasthof Krone - Photoarchiv Hans Oberthanner

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Wenn im Gegensatz zu Zirl die Ortsnamen Telfs, Toblaten und Tabland (bei Mieming) nicht von der Umlautung des T zu Z betroffen wurden, so bedeutet dies nach Ansicht der Geschichtsforscher nicht, daß die Orte damals noch nicht bestanden hätten. Wahrscheinlich bewahrten die wenigen romanisch sprechenden Menschen, die sich hier zwischen den bayrischen ,,ing``-Orten erhalten konnten, die genannten Ortsnamen vor der t-Verschiebung, denn die Umlautung vollzog sich nur in der deutschen, aber nicht in der romanischen Sprache.

Die Ausbreitung der Bayern erfolgte zunächst sicher entlang der wichtigsten Verkehrslinien. Unser heimatlicher Raum liegt am Fuß der Seefelder Senke, die ein bevorzugtes Einfallstor der Einwanderer war. Dazu kam, daß die Bayern in unserer Gemeinde wahrscheinlich bereits alte Kulturgründe vorfanden; das beweisen die zwar wenigen, aber doch vorhanden Flurnamen. Dabei war infolge geringer Bevölkerungszahl manches Kulturland herrenlos und bot sich zur Besiedlung gewissermaßen an.

Sicher ist auch, daß die Bayern im Inntal die Schuttkegel und Hänge der Schattenseite für die Besiedlung bevorzugten, denn sie waren wasserreicher und sanfter als die steilen Hänge der Kalkberge.

Urkunden aus dem 8. Jahrhundert erwähnen, daß das bayrische Kloster Freising in Oberhofen, Flaurling und Zirl Gründe besaß. Von Inzing besitzen wir zwar keine Urkunden aus so früher Zeit, aber wir dürfen wohl annehmen, daß unser Gemeindegebiet damals ebenfalls von Dauersiedlern bewohnt war. Unser Dorf wird erst in einer Urkunde vom Jahr 1034 genannt. Darin ist angeführt, daß das Hochstift Freising in unserem Dorf Grundbesitz erwarb. Nun gibt es aber im bayowarischen Siedlungsgebiet drei Dörfer mit dem Namen Inzing und es ist somit nicht eindeutig erwiesen, daß sich die Urkunde auf unser Dorf bezieht. Später ist hier jedenfalls kein Freisinger Besitz nachweisbar. Die Historiker meinen jedoch, daß sich das Schriftstück auf unser Inzing bezieht, da das Kloster auch in Oberhofen, Flaurling und Zirl Gründe zu eigen hatte.[*]Auch unser Dorfname Inzing ist nach Auffassung vieler Geschichtsforscher ein Beweis für die frühe Besiedlung durch die Bayern. Die Ortsnamen, welche auf -ing endigen, zählen nämlich zur ältesten Art deutscher Ortsnamen. Sie sind als Siedlungen aus der Zeit der Einwanderung oder unmittelbar folgenden Epoche anzusehen, wenn sie von einer Sippe gemeinfreier Bayern gegründet wurden.

Über die Deutung unseres Dorfnamens gibt es verschiedene Auffassungen.

Manche Forscher sind der Ansicht, daß in den Dörfern mit -ing-Namen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Niederlassung einer Sippe zu erblicken ist. Demnach hätte sich in Inzing die Sippe des Imizo oder Ingizo, in Hatting die eines Hatto und in Leiblfing die Verwandtschaft des Liuwolf niedergelassen. Wildermieming (Wilraming) wäre nach dem Sippenoberhaupt Williram, Haiming nach dem Sippenführer Haimo, Mieming nach Miemo benannt usw.

Andere Historiker aber weisen darauf hin, daß die Silbe -ing nichts Bestimmtes über das Alter einer Siedlung sagt. Noch im Spätmittelalter, etwa 12. bis 13. Jahrhundert, wurden im bayrischen Gebiet Orte mit -ing-Namen gegründet. Solche Siedlungen wurden freilich nicht von bayrischen Freien errichtet, sondern von herzoglichen Gefolgsleuten. Es könnte also etwa einem Ingo vom bayrischen Herzog Land geschenkt worden sein, der sich dann hier mit seinen Knechten und Hörigen niederließ. Aus dem Hof des Ingo und den Hütten seiner Leute wäre mit der Zeit unser Dorf entstanden. So gedeutet, wäre Inzing erst eine Gründung der jüngeren bayrischen Siedlungszeit.

Univ.Prov.Dr.Karl Finsterwaldner [15], Germanist an der Innsbrucker Universität, erklärt aber, daß im Schwäbisch -Alemannischen Gebiet und in Bayern westlich der Isar - und dazu rechnet er auch unser engstes Heimatgebiet - noch vor Beginn des Hochmittelalters keine -ing Namen mehr gebildet wurden. Er hält es auch für besser von -ingen-Namen zu sprechen, denn die Silbe -ing ist die Einzahlform und wurde für die Bildung von Flurnamen gebraucht, -ingen ist die Mehrzahlbildung und wurde bei Ortsnamen angewendet. Diese ältere mittelhochdeutsche Form ,,ingen`` schrumpfte im 13. Jahrhundert zu ,,ing`` zusammen. In der bereits erwähnten Urkunde von 1034 wird unser Dorf Inigazingo genannt, in Schriftstücken aus späterer Zeit wird es Inzingen und nun Inzing genannt.

Nach Auffassung von Prof.Finsterwaldner wäre auch noch eine andere Auslegung über die Entstehung unseres Dorfnamens möglich. Im Namen Inigazingo steckt eine eigenartige, auf den Flußnamen Inn bezogenen Personennamenbildung INI-GOZ, gleichsam der Inngote. Auch andere Orte in Bayern wiesen eine ähnliche Ortsnamenentstehung auf. Solche Ortsnamenbildungen treten nur in sehr alten bayrischen Namen auf. Diese Version würde für eine sehr frühe bayrische Besiedlung unseres Dorfes sprechen.

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß mir Josef Lederle in den 30'er Jahren mitteilte - und ein anderer älterer Mann, der beim Gespräch anwesend war, bestätigte dies, - alte Inzinger hätten ihm in seiner Jugend erzählt, der Name Inzinger käme von Innzwinger her. (Josef Lederle starb 1956 im Alter von 89 Jahren.)

Wenn also nach dem bisher Gesagten über den Zeitpunkt der Gründung unseres Dorfes nichts Bestimmtes angegeben werden kann, so sind doch die meisten Wissenschaftler der Meinung, daß die ,,ingen Dörfer`` unserer Gegend zu den ältesten deutschen Siedlungen im Inntal zählen.

Neben Ortsnamen mit der Silbe -ing, bzw. -ingen, sind im Siedlungsbereich der Bayern, Alemannen und Schwaben sehr häufig auch die mit ,,hofen`` gebildeten Ortsbezeichnungen zu finden; also auch Oberhofen, Pfaffenhofen, Eigenhofen und Hattanhovon (so wurde im 11. Jahrhundert auch Hatting genannt) sind deutsche Ortsnamen. Germanischer Wurzel sind auch die Namen Leutasch und Dirschenbach (nach den Tirsen benannt, das sind Riesen der germanischen Sage). Pettnau wird vom bayrischen Besitzer oder Lehensträger Patto abgeleitet; das beweist, daß es von Bayern besiedelt wurde.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß einige Geschichtsforscher, wie Heuberger [8] und Helbock, die Möglichkeit nicht ausschließen, daß die im Inntal gelegenen ,,ingen-Orte`` von Alemannen gegründet wurden. Diese Ansicht wird aber von den meisten Forschern zurückgewiesen. Die Mundart unserer Gegend wird von den Sprachgelehrten als bayrisch bezeichnet.

Über den Platz, auf dem der erste bayrische Hof in unserer Gemeinde errichtet wurde, könne wir nur Vermutungen anstellen.

Die ganze Talweitung war damals von Auen erfüllt. Pappeln, Erlen, Weidengebüsch und Dickicht, dazwischen weiße Sandbänke und glitzernde Wasserarme bedeckten den Talboden. Er war stark versumpft und der Inn war sein schrankenloser und launischer Beherrscher. Immer wieder wühlten seine Hochwasser neue Rinnsale in die Auen und überschütteten Gras und Gebüsch mit Schotterbänken. Es war demnach unmöglich, den Talboden zu besiedeln. Man konnte ihn nur gelegentlich als Weideland benützen.

Die Berghänge waren von düsterem Urwald bedeckt. In ihm waren wohl nur wenige Inseln hellen Grüns zu sehen, denn die Rodetätigkeit, die sie geschaffen hat, setzte erst später ein. Von den höher gelegenen Waldteilen grüßten die Kronen der Zirmbäume herab. Ober der Waldgrenze, die damals vielleicht noch etwas höher lag, sah man wie heute die grasbewachsenen Almmatten. Finsterer und düsterer als heute sahen die Hänge unserer Schieferberge aus, als die bayrischen Siedler zu uns kamen.

Nur am unteren Saum der Bergflanken leuchtete, wenn es Frühling war, das heitere Grün der Laubbäume, die damals noch häufiger wuchsen als jetzt und brannten im Herbst die bunten Gipfel der Buchen und Ahornbäume. Die Flurnamen Buchfeld, Buchwaldung, Buchegart deuten noch darauf hin. Die Buchenbestände zwischen den Weilern Hof und Hattingerberg sind noch der letzte kümmerliche Rest dieser einst weit größeren Buchenwaldungen.

Den Urwald zu roden, um neues Land für Äcker und Wiesen zu gewinnen, war vor Jahrhunderten ungleich schwieriger als heute. Nur zögernd und nach langem Überlegen werden die Männer ein so mühseliges Werk begonnen haben. Für die ersten Siedler lag diese Notwendigkeit wohl nicht vor. Die Bewohner der Römerzeit hatten vermutlich, wie überall im Inntal, den Schuttkegel des Baches kultiviert. Da nun diese alten Kulturgründe, wie man annimmt, zum Teil herrenlos waren, bot sich hier den Einwanderern eine günstige Gelegenheit für ihre Niederlassungen. Ebenso war auf der breiten Hangleiste, wo heute Eben, Hof und Hattingerberg liegen, genügend Platz für Höfe und Weidegründe. Auf der Terrasse und auf der Schutthalde unseres Dorfbaches war ein relativ sicheres Wohnen und leichtes Arbeiten gewährleistet. Das notwendige Trink- und Nutzwasser waren ausreichend vorhanden.

Seit uralten Zeiten erzählt sich die einheimische Bevölkerung, daß die ersten Inzinger Häuser nicht im Tale, sondern auf der Terrasse gestanden seien. Dagegen sind manche Historiker der Ansicht, daß die Niederlassungen auf der Höhe oberhalb von Ortschaften, die im Tal liegen, jüngere Gründungen sind. Sie erhielten oft den Namen der alten Siedlung mit dem Zusatz ,,Berg``, z.Bsp. Volderberg (ober Volders), Wattenberg, Imsterberg usw. Könnte dies für unser Gemeindegebiet nicht auch zutreffen?

Noch etwas spricht dafür, daß die Einwanderer zuerst die sanften Böschungen des Schuttkegels besiedelten. Die Bayern waren vornehmlich Viehzüchter und benötigten daher viel Weideland. Die Auen im Talboden waren zwar für die Anlage von Äckern und für die Errichtung von Häusern ungeeignet, aber sie waren zeitweise brauchbares Weideland. Es war daher bestimmt vorteilhaft, die Höfe in der Nähe des Weidegrundes zu errichten.

Ob die ersten Bayern sich auf der Terrasse oder auf den Hängen des Schuttkegels niederließen, kann heute kaum eindeutig geklärt werden. Für jede Annahme gibt es Argumente, die dafür und die dagegen sprechen.

Sicher werden anfangs manche Siedler Weiden, Wiesen, Äcker und vielleicht auch ihre Hofstätten auf Plätzen errichtet haben, die der Enterbach überschüttete, wenn in seinem Oberlauf schwere Hagelwetter Muren von den Hängen brachen. Erst große Opfer und langjährige Erfahrung wiesen unseren Vorfahren die Räume, in denen Felder und Häuser sicherer waren. Aber das war immer und überall das Schicksal der Kolonisten.

Die bayrische Einwanderung war die letzte Besiedlung größeren Ausmaßes; sie war die wirksamste für Nordtirol. Mit den Bayern kamen die deutsche Sprache, deutsche Kultur, deutsches Denken und Fühlen in unser Land. Das Romanentum verlor immer mehr an Bedeutung. Unsere engste Heimat, in der nach der Einwanderung der Bayern nur wenige Romanen verblieben waren, wurde früh deutsch.

Entlang der Hauptverkehrswege gewann das Deutschtum schneller Oberhand als in entlegenen Gebieten. Im 12. Jahrhundert wurde bei Innsbruck nur noch selten romanisch gesprochen, obwohl dort seinerzeit die romanische Bevölkerung verhältnismäßig zahlreich war. Im hintersten Stubaital verschwand die romanische Sprache erst nach dem 16. Jahrhundert, im Paznauntal und obersten Inntal erhielt sie sich bis ins 17. und 18. Jahrhundert. Im schweizerischen Engadin, in Gröden und in anderen Orten ist sie bis heute noch nicht ausgestorben. Daß sich das Romanentum solange erhalten konnte, spricht für die Friedfertigkeit der Bayern. In alter Zeit fielen tausende Menschen den Kriegen und Seuchen zum Opfer. Während die Deutschen durch Zufuhr frischen Blutes aus dem benachbarten bayrischen Stammland solche Wunden bald heilen konnten, blieb dies den Romanen versagt. Sie starben aus.

Heute sind Sprache und Gesinnung aller Inzinger deutsch. Äußerlich sehen wir sehr verschieden aus. Wir Tiroler stammen eben , wie alle Völker, von verschiedenen Urahnen ab. Das Aussehen unserer Dorfbevölkerung verrät uns heute noch, wo das germanische Blut und wo das Wesen der romanisierten Urbevölkerung durchschlägt. Doch die gleiche Sprache, das gleiche, gemeinsam erlebte Schicksal prägten uns zu einer Einheit.

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