Wie sich Inzing zur Pfarrei entwickelte

Seit 1891 ist Inzing eine Pfarrei; vorher gehörte es mit den anderen Dörfern des rechten Innufers, nämlich Pfaffenhofen, Oberhofen, Flaurling, Polling, Hatting und Ranggen zur Ur- oder Mutterpfarre Pfaffenhofen. Eigenartig ist, daß Leiblfing und Pettnau, die auf der anderen Flußseite liegen, ebenfalls diesem Pfarrsprengel angegliedert waren. Dies ist der uralten Überfuhr bei Pettnau zu danken; sie verband die Menschen beider Innufer.

Gegen jede Regel spricht auch der Umstand, daß die Pfarrkirche in Pfaffenhofen stand, der Pfarrer aber seinen ständigen Wohnsitz in Flaurling hatte. Die Flaurlinger Kirche galt - wie auch unsere Kirche - als Filiale oder Tochterkirche von Pfaffenhofen.[*]

Daß gerade Flaurling diese hervorragende Rolle spielte, obwohl es auch damals keineswegs die größte Siedlung an der Salzstraße war, ist wohl darauf zurückzuführen, daß hier die Burg Hörtenberg lag, die jahrhundertelang große Bedeutung für unsere Region hatte. Uns fällt heute die Größe des Pfarrsprengels auf. Bis zum 12.Jahrhundert hatten die Wirtschaftsgemeinden wegen der dünnen Besiedlung und wegen der extensiven Bodennutzung einen großen Umfang.[*] Die alten Pfarreien deckten sich mit diesen Wirtschaftsgemeinden. Auch heute ist dies noch zum Großteil der Fall; allerdings sind die Wirtschaftsgemeinden und damit die Pfarrsprengel kleiner geworden.

Die Filialen wurden zunächst ausschließlich von der Mutterkirche betreut. Erst als sich um eine Kapelle oder Filialkirche mehr Menschen niederließen und durch Stiftungen und Geschenke eine materielle Grundlage für eine beschränkte Gottesdienstordnung schufen, kam an den in Stiftsbriefen genannten Tagen ein Priester aus der Pfarre in die Filialkirche, um hier die Messe zu lesen oder andere gottesdienstliche Handlungen zu verrichten.[*]

Das älteste Schriftstück über die Gottesdienstordnung, das mir bekannt geworden ist, stammt vom 26.11.1532. Es ist ein obrigkeitlicher Kundschaftsbrief ,,in Sachen der Messe, welche alle Sonntage zu Inzing von der Pfarre zu Flaurling aus besorgt werden muß``.[*]

Nach Tinkhauser galt 1627 für Inzing folgende Gottesdienstordnung:

Von Quinquagesima[*] bis einschließlich Pfingsten fand hier alle Sonntage der Pfarrgottesdienst für die Filialen Inzing, Hatting und Ranggen statt, den ein Priester aus Flaurling durchführte. In der übrigen Zeit des Jahres war immer der dritte Sonntag frei, der Flaurlinger Pfarrer hatte keine Verpflichtungen, in Inzing eine Messe zu lesen, außer es fiel auf diesen Tag ein Apostelfest oder ein anderes Fest. Wenn am Sonntag keine Messe war, mußte sie dafür am vorhergehenden Samstag gehalten werden.

An jedem Mittwoch in der Fastenzeit sowie an jedem Samstag in den Quatemberwochen[*] mußten Priester aus Flaurling das Meßopfer zelebrieren. Außerdem hatten die Gläubigen an den Patrozinien, an gestifteten Jahrtagen und an verschiedenen anderen Festen Gelegenheit, in unserer Kirche die Messe mitzufeiern.

In früheren Jahrhunderten kamen die Flaurlinger Geistlichen nicht so häufig zu uns; da mußten sich unsere Vorfahren zur Mutterpfarre bemühen, um einer Messe beiwohnen zu können. Die Abhängigkeit von der Mutterpfarre war in vielen Belangen sehr lästig, sogar beklemmend; man denke nur an die geistliche Sterbehilfe. Doch auch Taufe und Eheschließung waren umständlich. Es war sehr schwer, die Selbständigkeit der Filiale gegenüber der Mutterpfarre zu erreichen. Meist gelang dies erst in der Neuzeit.

Eine Anordnung Kaiser JosefsII (1780-1790) bewirkte eine Teilung der alten Pfarren in kleinere Sprengel. Obwohl die Verfügungen Josefs sich selten zum Wohle der Kirche auswirkten, brachte diese Bestimmung oft einen Vorteil: sie führte zu einer Intensivierung der Seelsorge.

Bei uns führte die Auffindung des Gnadenbildes und die bald darauf einsetzende Wallfahrt dazu, daß 1693 ein eigener Priester, ein Benefiziat, bestellt wurde.[*]

Die Gemeinde hatte schon vorher für die Errichtung eines Widums Schritte unternommen. Das geht aus einer Schrift im Gemeindearchiv - vom 12.April 1690 - hervor (Gd. Reg. Nr.62). Darin heißt es:

,,Paris Graf zu Lodron und Cassel Ramum etz., Oberstjägermeister, bewilligt der Gemeinde Inzing den Bau eines Widums für dem Kuraten nächst der Kirche gegen Entrichtung eines jährlichen Feuerstattzinses von 6 Kronen an die St.Peterskirche in Inzing.``
Die Errichtung eines Benefiziums[*] war für unsere Gemeinde eine sehr große Wohltat. Die Seelsorge verwaltete zwar weiter Flaurling, doch war nun ein eigener Priester ständig im Dorfe, der täglich das Meßopfer feierte, zum Empfang der Sakramente Gelegenheit bot und den Kranken und der Schule zur Verfügung stand.

Der Stiftsbrief des Benefiziums ist vom 31.Mai 1713, das Kapital betrug 4000 Gulden. Die Familie Gaßler leistete einen wesentlichen Anteil zum Stiftungskapital. sie übte deshalb neben der Gemeinde das Patronatsrecht über das Benifizium aus. Erster Benefiziat war Franz Aigner, der 1686 erstmals als Taufender im Flaurlinger Taufbuch aufscheint.

1757 wurde in Inzing eine Expositur[*] errichtet. Eine Abschrift des Abkommens vom 4.6.1757 zwischen dem Dekan zu Flaurling und dem Benefiziaten zu Inzing, die diese Sache betrifft, liegt unter Reg. Nr.72 im Gemeindearchiv.

Nun wohnte ein zweiter Geistlicher ständig im Dorfe. Er taufte die Kinder und verrichtete andere seelsorgliche Dienste. Er versah auch die Kranken von Hatting.[*] Während den Benefiziaten der Patronatsherr bestimmte, bestellte den Kooperator der Pfarrer in Flaurling. Zwischen den beiden bestand nicht immer das beste Verhältnis.

Kurat Puecher schreibt über diese Zeit in der Kirchenchronik:

,,Diese Art der Seelsorge unterlag großen Schwierigkeiten, Händeln, Feindseligkeiten und Unordnungen, die den Frommen der Seelsorge höchst nachteilig waren und wohl auch große Prozesse verursachten.``[*]
Eine verhältnismäßig friedliche Zeit scheint unter dem Benefiziaten Josef Strickner geherrscht zu haben. Der Verfasser des Berichtes über die zweihundertjährige Säkularfeier unseres Gnadenbildes schreibt Seite 28, daß Strickner sein ,,merkwürdiges`` Benefiziat von 1768 bis 1799 ausgeübt und mit Erlaubnis des Pfarrers in Flaurling durch 20 Jahre auch die Seelsorge verwaltet habe.

Der Kooperator wohnte nicht im Widum des Benefiziaten, sondern in einem Privathaus, dem sogenannten ,,Schlößl`` (beim Stöffler), Kirchgasse 14.

Erst der Flaurlinger Pfarrer Paul Norz ließ mit Unterstützunge mehrerer Wohltäter ein eigenes Widum errichten. Dieser Bau ist heute das Haus Kohlstatt 15; darin wohnten nun die vom Dekan bestellten Geistlichen.[*]

1790 kam Alois Maaß, der aus Strengen stammte, nach Inzing. Er war der erste Provisor [*]in unserer Gemeinde und wohnte in dem unter Norz erbauten Widum. 1805 verließ er unser Dorf und kam in die hochgelegene weitausgedehnte Pfarre Fließ. Hier starb er 1846 nach fruchtbarer und segensreicher Tätigkeit als heiligmäßiger Pfarrer. Er galt als origineller Prediger und war ein vielbesuchter Beichtvater. Maaß sagt man nach, daß er ihm ganz unbekannte Beichtkinder auf verschwiegene oder vergessene Sünden aufmerksam machte. Sogar die ferne Zukunft und den nahen Tod offenbarte er manchen.

An der nördlichen Außenwand unserer Kirche, beim Priestergrab, erinnert eine kleine Steintafel an den Vater des damaligen Provisors, der hier während des Orgelspielens beim Gottesdienst starb.

Im Feber 1805 löste Dyonisius Puecher Alois Maaß ab. Puecher zählt zu den rührigsten Geistlichen unserer Pfarre. 2 1/2 Jahre nach seinem Einstand traf ihn ein schwerer Schlag; die wohl schrecklichste Mure, die in geschichtlicher Zeit über unser Dorf hereinbrach, verheerte auch die noch fast neue Kirche.[*] Im gleichen Jahr starb Benefiziat Josef Mayr; ein neuer Benefiziat wurde nicht mehr bestellt. Ein Lichtblick für den viel geplagten Dyonisius Puecher, denn nun fielen die jahrelang bestehenden Spannungen fort und es konnte endlich eine Kuratie errichtet werden. Vertreter der Gemeinde und der Familie Gaßler, der Dekan Johann Töller und Kurat Puecher protokollierten am 11.Mai 1807 die Errichtung einer Kuratie mit Kooperator. Das Patronatsrecht über das Benefizium ging damit von der Gemeinde und von der Gaßler'schen Familie auf das bischöf\/liche Ordinariat über.

Puecher war über die Bildung einer Kuratie sehr froh und erwähnt in der Kirchenchronik,

,,daß nun zwei Priester unter einem Dach weit leichter das Auslangen mit dem gemeinschaftlichen Betrag finden, als wenn sie gesondert wirtschaften und daß der Friede bei der Subordination weit besser gehandhabt werden kann.``
Inzing war nun in seelsorglicher und verwaltungstechnisches Hinsicht freier geworden. Am 25.Oktober 1810 erfolgte durch den Bischof die Ernennung Puechers zum definitiven Kuraten [*] von Inzing. Zur Verbesserung der Einkünfte des Kuraten wurde das Widum des Expositus (Kohlstatt 15) samt Acker und Wiese versteigert und das Geld zum ständigen Ertrag der Kuratie verwendet.

Kurat Puecher mußte noch einen jahrelangen zermürbenden Kampf mit verschiedenen Stellen führen, bis es ihm glückte, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Kuratie in erträglicher Weise zu regeln. Erst am 18.?1826 erreichte er sein Ziel.[*]

Zum Zeichen der ehemaligen Abhängigkeit mußte die Kuratie Inzing an die Pfarre Flaurling noch lange eine jährliche Rekognitionsgebühr von 3 Gulden T.W. leisten.

Der Kooperator erhielt für jeden Versehgang 12 Kreuzer. Arme Leute konnten den Betrag schwer aufbringen und schoben das Versehen möglichst lange hinaus oder unterließen es ganz. Um diesem Übel abzuhelfen, vereinbarte der Kurat mit der Gemeinde, daß jeder Hausbesitzer 2 oder 3 Ridelen Flachs jährlich an den Kooperator abzuliefern hätte. Dafür entfalle die Stolagebühr von 12 Kreuzern.

1822 betrug das Stiftungskapital für den Kooperator 445 Gulden 12 Kreuzer - 175 Gulden hatte Dekan Töller dazu beigetragen, - von dem der Kooperator jährlich 18 Gulden und der Gewalthaber für das Eintragen einen Gulden erhielt. Der Rest wurde für arme Kranke verwendet. Puecher sind auch die verschiedenen Restaurierungen im Kircheninnern, die um 1852 ausgeführt wurden, zu danken. Nach 43-jährigem aufopferungsvollem Wirken für unser Dorf starb er am 14.Juni 1848.

Ihm folgte Kurat Isidor Jäger (1848-1868). Ich habe schon erwähnt, daß der Altarschmuck, den er geschaffen hatte, heute noch unsere Kirche an Festtagen ein feierliches Aussehen gibt. Er hat auch das Pfarrhaus so geräumig ausgebaut, wie es heute ist. Laut Kirchenchronik war 1829 unter Kurat Puecher das Widum erhöht worden.

Seit Kurat Jäger sind größere Bauarbeiten am Widum bis in neuere Zeit kaum erfolgt. 1897 erhielt Pfarrer Ennemoser die Bewilligung für eine Trinkwasserleitung, die an die Leitung vom Schloßbrunnen (Besitzer Univ.Prof.Dr.Hermann Klotz) angeschlossen war (Gemeinderatsbeschlüsse vom 21.3. und 22.8.1897). Gemeinderatsprotokolle aus späterer Zeit erwähnen öfters Reparaturen, doch waren sie kaum mehr als notwendigste Flickarbeit. Das Pfarrhaus sah auch entsprechend aus.

Nach 1960 ließ Geistlicher Rat Pfarrer Knabl gründliche Erneuerungsarbeiten durchführen, zunächst Außen- und dann Innenrenovierungen, die sich bis in die siebziger Jahre hinzogen. Heute sind im Widum nicht nur die Wohnung des Pfarrers und die Amtsräume der Pfarrei untergebracht, sondern auch die Pfarrjugend (1970) und die Pfarrbücherei (1953) haben hier ihr Heim gefunden.

Jägers Nachfolger, G.R.Johann Schöpf aus Oberhofen, war der letzte, der als Kurat Inzing verließ. Unter Franz Freund, der 1887 seine Stelle einnahm, wurde Inzing 1891 Pfarrei.

Die Inzinger Pfarre zum hlApostel Petrus gehört heute zum Dekanat Telfs. Schon vor Jahrhunderten bestanden zwischen den Bischöfen und Pfarren kirchliche Verwaltungsstellen, die Archidiakonate hießen. Sie umfaßten meistens das Gebiet einer Grafschaft. Im 13.Jahrhundert wird für das Oberinntal ein solches Archidiakonat genannt. Seit dem 16.Jahrhundert zerfielen solche Sprengel in kleinere Dekanate, die sich mit dem Gebiet eines Landesgerichtes deckten. Seit 1815 ist prinzipiell der Pfarrer der Gemeinde, in welcher das Landgericht seinen Sitz hat, Dekan. Nur in unserem Landgericht übte nicht der Pfarrer von Telfs, sondern der Flaurlinger Pfarrer das Amt eines Dekans aus. Erst 1947 änderte sich das.

Solange unser Dorf besteht, war es ein Teil der Brixner Diözese. Das wurde anders, als nach dem Ersten Weltkrieg die neue italienische Staatsgrenze das Bistum Brixen teilte. Die Entscheidung des Papstes PiusXI am 12.12.1925 trennte den auf österreichischem Staatsgebiet liegenden Anteil der Brixner Diözese vom Mutterbistum ab. Es entstand ein selbständiges Kirchengebiet für Vorarlberg und einen Teil Tirols, die Diözese Innsbruck-Feldkirch. An dessen Spitze stand der Bischof in Innsbruck. Seit 10 Jahren bildet Vorarlberg ein eigenes Bistum; der Bischof hat seinen Sitz in Feldkirch.

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