Die Industrieschulen

Der Geistliche Ferdinand Kindermann, Ritter von Schulstein[*], Schüler und Freund des großen Felbigers, schuf in Verbindung mit Volksschulen Arbeits- und Industrieschulen. In ihnen lernten die Mädchen spinnen, nähen, stricken, klöppeln, Wolle krempeln und die Knaben Obst- und Gemüsebau, Bienen- und Seidenraupenzucht. Kindermann wollte damit manuelle Fertigkeiten erzielen und die Kinder den Wert der Arbeit schätzen lehren. Er wollte ihnen durch diese Einrichtung auch die Möglichkeit bieten, aus dem Erlös ihrer Handarbeit Schulrequisitien zu kaufen. Seine Ideen verbreiteten sich rasch und binnen wenigen Jahren zählte man in seinem Heimatland Böhmen nahezu 200 solche Arbeitsschulen.

Auch in anderen Kronländern Österreichs fand Kindermanns Plan Freunde. Bei uns in Inzing war es Kooperator Anton Liner, der sich dafür begeisterte. Ungefähr 1846 sammelte er für die Errichtung einer solchen Schule freiwillige Spenden. Das Sammelergebnis betrug ca.1100 Gulden, die er zum Ankauf der Wiese, Gp.249/1 in Einl.Zl. 593II Katastergemeinde Inzing, das sogenannte Spitalmahd in der Drakenwiese, mit einem Flächenausmaß von 25a 68m \ensuremath{²} sowie für Hypothekardarlehen im Gesamtbetrag von 1062K 50h verwendete. Wie dem Gemeinderatsprotokoll vom 15.12.1905 zu entnehmen ist, wurden später für die rückgezahlten Kapitalien Landeshypothekenpfandbriefe gekauft.

Die Gemeindevorstehung bestimmte im Einvernehmen mit dem damaligen Ortsseelsorger Kurat Isidor Jäger, daß die Erträgnisse der Sammlung für die Industrieschule verwendet werden sollen. Die Verwaltung dieses Vermögens übertrug man unter Aufsicht des Gemeinderates und des Pfarramtes meist dem Ortsschulaufseher.

Da eine Stiftungsurkunde damals nicht errichtet wurde, erteilte die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck am 3.Juli 1914, Nr.386/6 der Gemeindevorstehung den Auftrag, eine solche abzufassen. Wenn auch bei der Gründung der Industrieschule vielleicht keine Niederschrift erfolgte, und wir daher über die Unterrichtsgestaltung nichts wissen, so ist doch anzunehmen, daß der Schulbetrieb in den abgelaufenen Jahren so verlief, wie er nun im Entwurf der Stiftungsurkunde festgehalten ist. Dem noch vorhandenen Entwurf, der vom Gemeinderat am 28.12.1915 genehmigt wurde, können wir entnehmen:

Auf Grund des Gemeinderatsbeschlusses vom 28.Dezember 1915 und mit Zustimmung des fürstbischöflichen Pfarramtes Inzing sowie des Ortsschulrates werden das Spitalmahd und der Betrag von 1062K 50h zur Schaffung des Fondes für die ,,weibliche Industrieschule`` in Inzing verwendet. Die Stiftung führt den Namen: ,,Industrieschulfond-Stiftung in Inzing``.
Es heißt weiter:

Die alljährlich abgereiften Interessen des vorstehenden Vermögens sind den Intentionen der Stifter gemäß zur Dotierung dieser Schule zu verwenden.
Man beabsichtigte den ganzen Ertrag des Stiftungskapitals zur Beschaffung von Einrichtung und Lehrmittel für die Industrieschule zu verwenden. Die Verwaltung der Stiftung übernahm der Ortsschulrat, der sich verpflichtete, ,,die ungeschmälerte Erhaltung des Stiftungsvermögens als eines für immerwährende Zeiten unangreifbaren Fondes Sorge zu tragen, die fälligen Zinsen stets zur gehörigen Zeit zu beheben und der stiftungsgemäßen Bestimmung zuzuführen``. Der Unterricht erfolgte zweimal wöchentlich halbtägig. Zum Besuch waren schulpflichtige Mädchen berechtigt. Die Auswahl des Lehrstoffes oblag der Lehrerin im Einvernehmen mit dem Ortsschulrat. Der Unterricht sollte entweder einer eigenen Lehrerin oder einer Volksschullehrerin übertragen werden. Bis zur Berufung der Ordensschwestern unterrichtete eine weltliche Industrielehrerin. Dann versahen den Unterricht die Lehrschwstern der Volksschule.

Es ist befremdend, daß ältere Frauen, die ich wegen der Industrieschule befragte, angeben, von einer solchen Schule nie etwas gehört zu haben. Sollte in unserem Jahrhundert die Schule gar nicht mehr bestanden haben? Warum befaßt sich aber dann der Gemeinderat noch während des Ersten Weltkrieges mit der Abfassung eines Stiftungsbriefes? Oder glitt still und unbemerkt die Industrieschule in den Mädchenhandarbeitsunterricht über?

Die ,,immerwährenden Zeiten für den unangreifbaren Fond`` dauerten nur kurz. Schon am 1.September 1917 teilte die Gemeinde der Bezirkshauptmannschaft mit, daß sie das Spitalmahd gemäß Gemeinderatsbeschluß vom 20.August 1917 um 1500K erworben und dem Armenfond übertragen hat.[*] Da die Bewohner des Armenhauses die Wiese immer wieder betraten und die Kinder darauf spielten, war der Ertrag des Grundstückes äußerst gering und für den Industrieschulfond daher totes Kapital.

Das Vermögen des Fondes betrug demnach 2562,50K, das sich 1918 aus folgenden Beträgen zusammensetzte:



zwei Hypotheken zu je 200 Kronen 400,00K
Spareinlagen bei der Sparkasse Innsbruck 790,00K
Barbetrag von 222,50K
V. Kriegsanleihe im Nennwert von 1150,00K



Durch die später einsetzende Geldentwertung erlitt der Industrieschulfond das gleiche Schicksal wie viele andere Bargeldanlagen.


Eine andere Einrichtung war die Schule für Spitzenklöppelei, die mitunter auch die Bezeichnung Industrieschule führte.

In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts wirkte in Tirol der Innsbrucker Industrielle Hermann Uffenheimer auf dem Gebiet der Stickerei- und Spitzenwaren. Hervorragendes leistete die Firma bei der Herstellung kirchlicher Stickereien, Klöppelspitzen, kirchlicher Gewänder, Paramente, Fahnen u.dgl.

Uffenheimer errichtete in Tirol eine Anzahl von Betrieben, welche sich mit der Erzeugung dieser Dinge befaßten. Er war bestrebt, solche Anlagen dort aufzubauen, wo er an eine entsprechende Hausindustrie - z.B. Spitzenklöppelei - anknüpfen konnte.

Die Klöppelei wurde in der Hausindustrie nur so betrieben, daß sie bescheidenen Ansprüchen genügte. Uffenheimer gründete daher sogenannte Spitzenklöppelschulen, in denen die Schüler angelernt wurden, anspruchsvollere Arbeiten herzustellen. In Tirol bestanden drei solche Schulen und zwar in Rietz (1872), in Proveis (bei Cles im Nonsbergtal) und in Inzing.

Bei uns wurde die Schule am 30.3.1875 eröffnet und von Frl.Magdalena Reich geleitet. Dreizehn Schülerinnen im Alter von 13 bis 20 Jahren besuchten die Schule. Der Unterricht - treffender wohl Arbeitszeit genannt - dauerte von 6-11 und von 12-19 Uhr. Uffenheimer lieferte auf seine Kosten das Rohmaterial (Seide), das er von Wien und Italien zum Preis von 55 Kreuzer pro Lot[*] bezog. Die Schülerinnen verarbeiteten unter der Anleitung der Lehrerin das Rohmaterial und verdienten wöchentlich zwischen 80 Kreuzer und 3 Gulden.

Da Uffenheimers Betriebe für das Land eine nicht unbedeutende wirtschaftliche Rolle spielten, unterstützte das Handelsministerium die Klöppelschulen. Rietz erhielt einen jährlichen Zuschuß von 300 Gulden. Die Schulen in Inzing und Proveis bekamen nur einen einmaligen Pauschalbetrag, dessen Höhe mir nicht bekannt ist. Die Schulen für Spitzenklöppelei wurden bald wieder aufgelassen.

http://www.pisch.at/Ernst/Wissen/Dorfbuch/Dorfbuch.html